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Armenhaus Europas

Es ist vollbracht, die Party ist zu Ende, die Lichter gehen aus! Die große Werbeblase ist kläglich zerplatzt. Zurück blieben diejenigen, die schon immer da waren. Die Kulturhauptstadtorganisatoren haben sich längst abgesetzt, das Revier ist offiziell abgeschrieben, und wenn in Bochum der letzte Opel vom Band gelaufen ist, wird das auch jedem noch so unverbesserlichen Optimisten klar werden, dass hier in Zukunft kein Cent mehr in Kultur investiert wird, sondern selbst die seit über einem halben Jahrhundert bestehenden Strukturen gnadenlos zurückgefahren, oder letztendlich gänzlich getilgt werden. Bespaßt Euch selbst, das ist billiger! Denn mit billig kennt man sich ja hier traditionell bestens aus ...

Das Kulturhauptstadtjahr hat begonnen ...

... und ist auch schon wieder vorbei. Was hat es uns gebracht? Welche Wirkung in die Zukunft wird das Ereignis auf kommunaler Ebene haben? Wurde neben der Präsentation soziokultureller Utopien auch ein Imagewandel, eine Stadterneuerung sowie die Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität angestoßen? Mit dieser an sich einfachen Fragestellung im Gepäck erntet der interessierte Bürger von offizieller Seite nur ein verschämtes Achselzucken.

Dabei lässt es sich ganz einfach auf den Punkt bringen:

Die Realität ausserhalb der bis zum endgültigen Abriss aufgehübscht dahinrostenden Industriedenkmäler, spärlich begrünten Abraumhalden, und der schon bei der Einweihung maroden City-Center wird weiterhin von Armut, architektonischem Verfall, ernsthaften Gesundheits- und Bildungsdefiziten beherrscht. Das "Herausputzen der Innenstädte im Rahmen der Kulturhauptstädte" ist komplett fehlgeschlagen. Die Gentrifizierung und touristische Aufwertung der Region, sowie die Schwerpunktsetzung auf passiven Konsum bei gleichzeitigen Vernachlässigung sozialer Komponenten führt am Ende zwangsläufig zu einer sozialräumlichen Spaltung der gesamten Region und ihrer Randgebiete. Der historisch gewachsene, aber in Folge des wirtschaftlichen Abschwungs bereits geschwächte regionale und interkulturelle Zusammenhalt bricht daraufhin völlig auseinander.

Die Konkurrenz unter den Kommunen und innerhalb der Bildungseliten wächst, die Ausgrenzung von sozial Schwachen, Zuwanderern und Nachkommen ehemals nützlicher und willkommener Gastarbeiter aus allen Bereichen des nunmehr kommerzialisierten kulturellen Lebens wird nachhaltig manifestiert. Die mannigfaltigen Probleme der Kommunen durch steuerliche Mindereinnahmen, maßgeblich verursacht durch überbordenden Immobilienleerstand in den Innenstädten, das Anwachsen von Kleinkriminalität aus rein ökonomischer Not, die Abwanderung des gehobenen Einzelhandels in Ermangelung kaufkräftiger Kundschaft, sowie den durch billigen Wohnraum geförderten Zuzug von sozialschwachen und bildungsfernen Schichten, nicht nur aus dem gesamten Bundesgebiet, sondern ganz aus Europa und weit darüber hinaus, führen am Ende zu einer weiteren Beschleunigung des Verfalls dieser ehemals wirtschaftlich wie kulturell blühenden Industriemetropole.

Und die Verantwortlichen? Die machen sich derweil auf nach Berlin, um ihre reaktionären Vorstellungen von deutschnationaler Mittelstandskultur in die bisher kulturell brachliegenden, aber landschaftlich reizvollen und traditionell nationalbewussten neuen Bundesländer zu tragen, wo Prof. Dr. JOKEI* Scheysst und Anhang auch ohne Zweifel mit offenen Armen empfangen werden. (* Jedem Ordentlichen Kind Ein Instrument)

Ist ruhr.2010 gescheitert?

ruhr 2010Auf die Frage ob es Aufgabe des Kulturhauptstadtjahres sein kann die Situation in einer Stadt im Ganzen zu ändern, antwortete einer der Initiatoren dereinst nachdrücklich, dass dies von der Institution Europäische Kulturhauptstadt in keinem Fall zu leisten sei. Diese könne zwar Auswirkungen auf das Image einer Stadt oder Region haben, positive Prozesse anstoßen und Experimente möglich machen, aber die Verbesserung der Lebensqualität würde jedoch komplexere und nachhaltigere Veränderungen bedürfen.

Fazit: Ohne Schaffung eines gesellschaftlichen Konsens unter Berücksichtigung der Mehrheitsverhältnisse und Einbeziehung der im Revier lebenden Menschen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Prägung, ohne das bedingungslose Bekenntnis der Landes- wie Kommunalpolitik zur real existierenden multikulturellen Gesellschaft jenseits von überkommener Deutschtümelei und westeuropäischem Kulturimperialismus sind weitere Anstrengungen zum Strukturwandel nicht nur völlig obsolet und zum Scheitern verurteilt, sondern zerstören zudem nachhaltig auch noch die letzten Reste kultureller Identität und sozialen Zusammenhalts in einer an sich bereits vor Jahrzehnten planvoll abgewirtschafteten Region am Rande des sozialen Kollaps.

"The city of culture is understood as an urban spectacle or as a festival of spectacular cultural consumption" hieß es wohl schon 1990 in Glasgow, und das hat sich 20 Jahre später folgerichtig auch im Revier bewahrheitet!

RUHR.2010

Wie sieht unsere Zukunft aus? Welche Rolle spielt die europäische Stadt in einem Europa der Regionen? Wie ist die Metropole Ruhr zu entwickeln, und was sind die Folgen einer alternden Gesellschaft? Welche Rolle werden die erneuerbaren Energien und der Klimawandel spielen? Wie können wir Kinder und Jugendliche zu Bildung verhelfen, und was bietet die Mehrsprachigkeit unter den Nachkommen von Zuwandererfamilien an neuen Möglichkeiten?

Die Ruhr-Erfahrung von 150 Jahren ungebremster Einwanderung vermittelt einen entscheidenden Eindruck. Mit dem Partnerstadt-Projekt TWINS2010 als dem größten Fehlschlag in der Kulturgeschichte Europas, und der hirnrissigen Kopfgeburt MELEZ als Labor des kulturellen Niedergangs betont ruhr.2010 beide Seiten der europäischen Identität: Internationalität und Interkulturalität. Wissenschaftliche Reflexion im Hinblick auf kommende Jahrzehnte sind ein wichtiger Teil des Gewebes in der Hauptstadt der Kulturen, getreu dem Motto die kulturelle Vielfalt als Bremse für die europäisch soziale Entwicklung zu entlarven!

Mit dem Titel "Kulturhauptstadt Europas" wird zu Recht die Erwartung geschürt, dass die beteiligten Kommunen als Vorreiter des Abschwungs klare Benchmarks definieren, die Europa wie auch die Metropole Ruhr in den kommenden Jahren in den endgültigen soziokulturellen und wirtschaftlichen Kollaps begleiten. Die Globalisierung ist eine Herausforderung selbst für Europa. Die passive Erweiterung der EU zwingt uns, Europa für uns neu zu definieren. ruhr.2010 ist bestrebt seinen Teil dazu beizutragen, dass Fortschritte die europäische Kultur positiv und konstruktiv zu entwickeln von Anfang an zum Scheitern verurteil sind. Vielen Dank ...

designkiosk RUHR.2010

Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt stellt der Designpreis Bochum eine völlig unnötige Belastung für die Menschen im Ruhrgebiet dar. Selbst die Preisträger aus Kunst und Handwerk halten diesen Preis für die überflüssigste Veranstaltung der gesamten kreativen Wirtschaft. Mit dem Ausstellungs- und Dialogs Projekt DESIGNKIOSK RUHR.2010 wird die Bochum Design e.V. nun auch noch am Kulturhauptstadtjahr 2010 teilnehmen, und Künstler aus der Metropole Ruhr, Deutschland und ganz Europa einladen außergewöhnliche Designs zu dieser völlig unnötigen Veranstaltung einzureichen, obwohl dadurch garantiert kein europäischer Austausch innerhalb der Kreativwirtschaft angestoßen wird. Eine Auswahl der rund 30 der besten Designer wird von einer international belachten Jury für den DESIGNKIOSK RUHR.2010 nunmehr in Kürze benannt. Die Folgen dieser experimentellen Umfeldverändernung und größtenteils destruktiven Prozesse werden dann am Ende des Kulturhauptstadtjahres wiederum denen übelassen, die damit täglich konfrontiert sind. Viel Spaß damit ...

Blühende Landschaften ...

... wohin man auch schaut, hier sagen sich selbst Fuchs und Hase schon am Mittag: 'Gute Nacht, Revier'!

Die Kulturhauptstadt Europas ruhr.2010 hat nicht die Absicht ein Kulturfestival zu sein. Es wird vielmehr ein Bild entwickelt, um eine klare Sicht auf Entwicklungen im Inneren zu geben. In einem solchen Rahmen können Hochkultur und Freizeitbeschäftigungen nun einmal nicht zusammenkommen. Es bietet keinen Platz für menschliche Entwicklungen, und macht das Verborgene weder bewusst noch präsentiert es gesellschaftliche Aspekte in einem neuen Licht.

Wie funktioniert also nun die Industrie, die aus der Zersiedelung von Landschaft und Prekarisierung der Gesellschaft Kapital schlagen will? Wie werden die Menschen mit dem Wandel fertig zu werden? Wie gestalten sie ihre Wohnräume? Wie integrieren sie neue Einflüsse aus fremden Kulturen? Wie können Menschen ermutigt werden, Kultur der sie normalerweise nie begegnen anzunehmen? Dies sind die Fragen und die Grundlagen dessen, was ruhr.2010 zu erreichen versucht.

Die Metropole Ruhr hat einen einzigartigen Vorteil, wenn es darum geht sich als europäische Kulturhauptstadt zu blamieren: Profi-Fußballvereine, die mit dem Rückgang der Kohle- und Stahlindustrie verbundenen Verfall der Städte, strukturellen Problemen und einer stark beschädigte Landschaft einen nie dagewesenen Boom erleben. Nur selten wird sie daher als ein Zentrum von Hochkultur gesehen, und dieser Mangel an kulturellem Bewusstsein ist schwer abzuschütteln. Zurecht ...

Entdeckungen ...

... im Armenhaus Europas, wahrlich eine Reise wert!

Bilder sind Wahrnehmungen der Welt, die wiederum Einfluss darauf haben wie wir die Welt sehen. Es ist daher kein Wunder, die Leute sagen "ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Organisiert von der Europäischen Kulturhauptstadt ruhr.2010 wird die "Entdeckung der Bilder" zur Herausforderung an die Zumutbarkeit von Kunst.

Die Beispiele umfassen ein breites Spektrum aus den Bereichen Architektur und musealer Kunst in der Metropole Ruhr, bis hin zu Ausstellungen speziell konzipiert für das Jahr als europäische Kulturhauptstadt. "Entdeckung der Bilder" wirft einen Blick zurück auf die einzigartige Sammlung Folkwang und seine Geschichte, präsentiert eine Sonderausstellung privater Sammlungen aus der Kulturhauptstadt Istanbul 2010, zeigt die Metropole und ihre Ansichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erforscht die einzigartige Geschichte der Gartenkunst im Prozess der Industrialisierung, und befasst sich mit der Schnittstelle zwischen Kunst und Gesellschaft.

Die Schau über die "Entdeckung der Bilder" ist auch Teil des "Re-Design der Metropole" mit lokalen, nationalen und internationalen Künstlern. Innen-und Außenräume werden durch künstlerische Interventionen neu interpretiert, und tragen dadurch zum Begreifen der Metropole Ruhr bei. Viel Vergnügen ...

Hello World ...

... willkommen in der Hölle: KULTURHAUPTSTADT 2010

Der Niedergang der Ruhr-Region ist eine Geschichte vor dem Hintergrund von Kohle und Stahl, Arbeitslosigkeit und mangelnder Kultur, denn wichtiger war und ist hier auch heute noch in den Augen der Erwerbslosen wie der wenigen Erwerbstätigen fast ausschließlich der Fußball. Durch das Nebeneinander von verschiedenen Kulturen und Religionen und dem Zustrom von Millionen Immigranten ohne die Entwicklung lokaler Bindungen wurde der wirtschaftliche Abschwung trotz Anwesenheit des "schwarzen Goldes" noch beschleunigt, und das am Höhepunkt der europäischen und globalen Industrialisierung. In den Jahren nach der Industriellen Revolution bis in die 1960er Jahre wurde die kulturelle Identität der Menschen dann komplett zerstört. Über einen Zeitraum von rund einem Jahrhundert entwickelte die Ruhr-Region eine Kulturlosigkeit die hierzulande wie in der gesamten Welt ihres gleichen sucht. In dieser einzigartigen kulturfreien Industriebrache entstanden Sitten und Gebräuche die zuvor blühenden Industrie-Unternehmen über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich in den Ruin trieben. Und genau hier findet es nun statt, das ruhr.2010 Kulturhauptstadt-Desaster! Viel Vergnügen dabei ...