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Das Kulturhauptstadtjahr hat begonnen ...

... und ist auch schon wieder vorbei. Was hat es uns gebracht? Welche Wirkung in die Zukunft wird das Ereignis auf kommunaler Ebene haben? Wurde neben der Präsentation soziokultureller Utopien auch ein Imagewandel, eine Stadterneuerung sowie die Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität angestoßen? Mit dieser an sich einfachen Fragestellung im Gepäck erntet der interessierte Bürger von offizieller Seite nur ein verschämtes Achselzucken.

Dabei lässt es sich ganz einfach auf den Punkt bringen:

Die Realität ausserhalb der bis zum endgültigen Abriss aufgehübscht dahinrostenden Industriedenkmäler, spärlich begrünten Abraumhalden, und der schon bei der Einweihung maroden City-Center wird weiterhin von Armut, architektonischem Verfall, ernsthaften Gesundheits- und Bildungsdefiziten beherrscht. Das "Herausputzen der Innenstädte im Rahmen der Kulturhauptstädte" ist komplett fehlgeschlagen. Die Gentrifizierung und touristische Aufwertung der Region, sowie die Schwerpunktsetzung auf passiven Konsum bei gleichzeitigen Vernachlässigung sozialer Komponenten führt am Ende zwangsläufig zu einer sozialräumlichen Spaltung der gesamten Region und ihrer Randgebiete. Der historisch gewachsene, aber in Folge des wirtschaftlichen Abschwungs bereits geschwächte regionale und interkulturelle Zusammenhalt bricht daraufhin völlig auseinander.

Die Konkurrenz unter den Kommunen und innerhalb der Bildungseliten wächst, die Ausgrenzung von sozial Schwachen, Zuwanderern und Nachkommen ehemals nützlicher und willkommener Gastarbeiter aus allen Bereichen des nunmehr kommerzialisierten kulturellen Lebens wird nachhaltig manifestiert. Die mannigfaltigen Probleme der Kommunen durch steuerliche Mindereinnahmen, maßgeblich verursacht durch überbordenden Immobilienleerstand in den Innenstädten, das Anwachsen von Kleinkriminalität aus rein ökonomischer Not, die Abwanderung des gehobenen Einzelhandels in Ermangelung kaufkräftiger Kundschaft, sowie den durch billigen Wohnraum geförderten Zuzug von sozialschwachen und bildungsfernen Schichten, nicht nur aus dem gesamten Bundesgebiet, sondern ganz aus Europa und weit darüber hinaus, führen am Ende zu einer weiteren Beschleunigung des Verfalls dieser ehemals wirtschaftlich wie kulturell blühenden Industriemetropole.

Und die Verantwortlichen? Die machen sich derweil auf nach Berlin, um ihre reaktionären Vorstellungen von deutschnationaler Mittelstandskultur in die bisher kulturell brachliegenden, aber landschaftlich reizvollen und traditionell nationalbewussten neuen Bundesländer zu tragen, wo Prof. Dr. JOKEI* Scheysst und Anhang auch ohne Zweifel mit offenen Armen empfangen werden. (* Jedem Ordentlichen Kind Ein Instrument)

Ist ruhr.2010 gescheitert?

ruhr 2010Auf die Frage ob es Aufgabe des Kulturhauptstadtjahres sein kann die Situation in einer Stadt im Ganzen zu ändern, antwortete einer der Initiatoren dereinst nachdrücklich, dass dies von der Institution Europäische Kulturhauptstadt in keinem Fall zu leisten sei. Diese könne zwar Auswirkungen auf das Image einer Stadt oder Region haben, positive Prozesse anstoßen und Experimente möglich machen, aber die Verbesserung der Lebensqualität würde jedoch komplexere und nachhaltigere Veränderungen bedürfen.

Fazit: Ohne Schaffung eines gesellschaftlichen Konsens unter Berücksichtigung der Mehrheitsverhältnisse und Einbeziehung der im Revier lebenden Menschen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Prägung, ohne das bedingungslose Bekenntnis der Landes- wie Kommunalpolitik zur real existierenden multikulturellen Gesellschaft jenseits von überkommener Deutschtümelei und westeuropäischem Kulturimperialismus sind weitere Anstrengungen zum Strukturwandel nicht nur völlig obsolet und zum Scheitern verurteilt, sondern zerstören zudem nachhaltig auch noch die letzten Reste kultureller Identität und sozialen Zusammenhalts in einer an sich bereits vor Jahrzehnten planvoll abgewirtschafteten Region am Rande des sozialen Kollaps.

"The city of culture is understood as an urban spectacle or as a festival of spectacular cultural consumption" hieß es wohl schon 1990 in Glasgow, und das hat sich 20 Jahre später folgerichtig auch im Revier bewahrheitet!

Blühende Landschaften ...

... wohin man auch schaut, hier sagen sich selbst Fuchs und Hase schon am Mittag: 'Gute Nacht, Revier'!

Die Kulturhauptstadt Europas ruhr.2010 hat nicht die Absicht ein Kulturfestival zu sein. Es wird vielmehr ein Bild entwickelt, um eine klare Sicht auf Entwicklungen im Inneren zu geben. In einem solchen Rahmen können Hochkultur und Freizeitbeschäftigungen nun einmal nicht zusammenkommen. Es bietet keinen Platz für menschliche Entwicklungen, und macht das Verborgene weder bewusst noch präsentiert es gesellschaftliche Aspekte in einem neuen Licht.

Wie funktioniert also nun die Industrie, die aus der Zersiedelung von Landschaft und Prekarisierung der Gesellschaft Kapital schlagen will? Wie werden die Menschen mit dem Wandel fertig zu werden? Wie gestalten sie ihre Wohnräume? Wie integrieren sie neue Einflüsse aus fremden Kulturen? Wie können Menschen ermutigt werden, Kultur der sie normalerweise nie begegnen anzunehmen? Dies sind die Fragen und die Grundlagen dessen, was ruhr.2010 zu erreichen versucht.

Die Metropole Ruhr hat einen einzigartigen Vorteil, wenn es darum geht sich als europäische Kulturhauptstadt zu blamieren: Profi-Fußballvereine, die mit dem Rückgang der Kohle- und Stahlindustrie verbundenen Verfall der Städte, strukturellen Problemen und einer stark beschädigte Landschaft einen nie dagewesenen Boom erleben. Nur selten wird sie daher als ein Zentrum von Hochkultur gesehen, und dieser Mangel an kulturellem Bewusstsein ist schwer abzuschütteln. Zurecht ...